Von Mehrheiten und der freien Wahl feige zu sein
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Hinsehen. Was war neu an nationalistischem Denken und Rassismus?
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Frei wählen. Würde ich kollaborieren, oder Widerstand leisten, wenn rechtsextreme Gruppen die staatlichen Gewalten auf sich vereinen?
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Zuhause in Mexiko. Warten auf die Thüringer Landtagswahl fernab von "Heimat".
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Teil I: Hinsehen
„Gewaltdynamiken, das machen soziologische Untersuchungen deutlich, weisen nicht als Pfeil von Täter zu Opfer, sondern haben die Form einer Triangel. Diskriminierung, Ausgrenzung und Zerstörung finden demnach in einem Spannungsfeld von drei Parteien statt: die angegriffene Person, der_die Angreifer_in und als Drittes die Gruppe, die sich nicht zu der angegriffenen Person bekennt und sich nicht schützend vor sie stellt. Die wegsieht. Die behauptet, nichts sei geschehen. […] Es geht nicht darum, dass diese Mehrheit nicht selber angegriffen hat – es sind immer Einzelne, die die Aggression ausführen –, aber sie hat auch nicht verteidigt. Denn die Angriffe der Einzelnen entspringen den Gewaltstrukturen dieser dritten Gruppe, der Mehrheit.
Salzmann, S. M. (2019). “Sichtbar”. In: Aydemir, F., & Yaghoobifarah, H. (2019). Eure
Heimat ist unser Albtraum: Mit Beiträgen von Sasha Marianna Salzmann, Sharon
Dodua Otoo, Max Czollek, Mithu Sanyal, Olga Grjasnowa, Margarete
Stokowski uvm. Ullstein Buchverlage.
Es war an einem Herbsttag im Jahr 2015, als ich mich unverhofft in dieser dritten Gruppe wiederfand. Ich zählte zwar schon längst zur stillen Mehrheit, aber in den 19 Lebensjahren zuvor war es mir kaum bewusst gewesen. An diesem Tag musste ich zum ersten Mal hinsehen, auch wenn ich am liebsten gleich wieder weggesehen hätte, als in Thüringen der Angriff auf die tradierten demokratischen Mehrheiten eröffnet wurde.
Ich hatte nachmittags spontan meine Tasche gepackt, die alten Lederschlittschuhe von meiner Mutter über die Schulter geworfen. Wie gewohnt schirmte ich meine Umwelt mit dröhnender Musik aus meinen Kopfhörern ab, als ich meine Erfurter Wohnung in Richtung Eissporthalle verließ.
Die Straßenbahn war voller als sonst. Es stiegen immer mehr Menschen ein. Ich fand mich neben einer Gruppe von Personen, die die deutsche Nationalflagge zur Schau trugen. Sie hatten kleine Aufnäher auf ihren Jackenärmeln, oder sich eine Flagge heldenhaft zum Umhang gebunden. Unbehagen stieg in mir auf. Wer sind die?
Ich schaltete meine Musik aus ohne meine Kopfhörer abzusetzen. Das Erste, was ich hörte, war ein Hitler-Witz. Der Mann schaute unsicher um sich, als hätte er auf eine Reaktion der Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung gewartet. Die Frauen in der Gruppe lachten gekünstelt. Er grinste triumphierend. Andere Reaktionen blieben aus. Ich schaute beschämt weg.
Ehrlich gesagt, erinnere ich mich nicht mehr, ob das Unbehagen sich an diesem Tag schon in Wut – auch über mein eigenes Nicht-Reagieren – gewandelt hatte. In meiner Erinnerung fühlte ich mich vor allem überfahren von den Ereignissen. Im staatswissenschaftlichen Studium gab es Kommiliton_innen, die bei den Falken gegen rechtsextreme Strukturen in Thüringen kämpften und mir längst zugetragen hatten, dass es schlimm sei mit den Neonazis in meinem neuen Wahlzuhause. An diesem Tag sah ich mit eigenen Augen, was mich bis dato nicht besonders tangiert hatte. Es war für mich eine unbedeutende politische Randerscheinung einer Gegenwart gewesen, die im Schatten der Krimannexion und dem Hackerangriff auf den Bundestag stand. Oder etwa nicht? Zu sehr vereinnahmte mich damals mein Unverständnis darüber, dass das öffentliche Interesse an Daten- und Osteuropapolitik nach diesen Ereignissen schnell abgeflacht war. Und überhaupt las ich schon länger keine Zeitungen mehr, um nicht immerzu wütend zu sein.
Dann stand ich lange einfach nur da. Von den obersten Stufen vor der Eissporthalle schweifte mein Blick über die Menschenansammlung hinüber zum Landtag, dann zu den Gegendemonstrant_innen. Sie hatten sich vorbildlich hinter der polizeilich abgesicherten Linie formiert. Noch bevor der erste Redner die provisorische Bühne betrat, dämmerte mir, in was ich hineingeraten war. Die Herbstoffensive der AfD war in vollem Gange. Nach Chemnitz und Dresden war nun auch Erfurt dran.
Nach einigen erfolglosen Aktivierungsversuchen war das Mikrofon des Redners dann plötzlich einsatzbereit: “Wir sind das Volk”, ertönte es aus den Lautsprechern. Die Menge antwortete: “Wir sind das Volk.” Er rief wieder von der Bühne aus ins Mikrofon: “Wir sind das Volk”. Die Resonanz war überwältigend, beschleunigte und verdichtete sich: “Wir sind das Volk, wir sind das Volk, wir sind das Volk…” Ich weiß nicht mehr, wie oft der Redner seine Worte wiederholte und damit den Sprechchor anheizte.
Es muss Ende September oder Anfang Oktober gewesen sein, als mich die NS-Rhetorik völlig unvorbereitet von der Straße aus anschrie. Björn Höcke hetzte an diesem Tag gegen Asylsuchende, beschwor den nahenden Verlust dessen herauf, was er als „Heimat“ bezeichnete, und beklagte den verlorenen Nationalstolz der Deutschen. Dabei war offensichtlich, dass diejenigen, die tatsächlich so etwas wie den Verlust der „Heimat“ erlitten hatten, nicht unter den Demonstrierenden waren. Ihnen war an solchen Tagen geraten den Straßen lieber fernzubleiben, um nicht ins Visier von Gewalttäter_innen zu geraten. Denn der deutsche Nationalstolz war weder verloren, noch war er zu harmlosen Witzen verkommen.
Nationalistisches Denken und Rassismus hatten immer schon zum guten Ton dazu gehört – speziell in den westdeutschen Kreisen, in denen ich aufgewachsen war. Neu war mir die gegenseitige Verstärkung mit dem parlamentarischen Selbstbewusstsein der AfD, der hetzerischen Sprache ihrer Mitglieder und den Neonazis auf und vor ihren Bühnen. Dass es in den besagten westdeutschen Kreisen weder Vertrauen in den Euro noch in die EU-Politik gab, war nichts Neues – der gefährliche, völkisch-nationalistische (Dis-)Kurs der AfD und der Hass, den sie seitdem mit allen Mitteln gegen „Andere“ schürt, allerding schon.
Würde ich nach den Ereignissen in diesem Herbst noch darauf vertrauen können, dass die freiheitlich demokratische Grundordnung bestehen bleibt, falls es einmal drauf ankommt?
Teil II: Frei wählen
„Vertrauen ist größer als Wissen, es ist das beruhigende Gefühl, dass ohne jeden Zweifel die Verantwortlichen in Behörden die Fähigkeit und die Integrität haben, wo sie können, das Beste für die Menschen zu tun. Dass alles schon in Ordnung sein wird. Aber dieses Gefühl ist nicht mehr da.”
(Salzmann 2019).
Die Überreste meines Vertrauens waren fünf Jahre später dann endgültig dem Bewusstsein gewichen, dass sich längst nicht alle Verantwortlichen in öffentlichen Positionen gegen Angriffe auf die freiheitlich demokratische Grundordnung in Stellung bringen. Zurecht wurde Kemmerich der Blumenstrauß mit Verachtung vor die Füße geworfen, nachdem sich der FDP-Kandidat im Jahr 2020 auch mit Stimmen der AfD-Mitglieder zum Ministerpräsidenten Thüringens hatte wählen lassen. (Dass dieser Tage das einzige Wahlversprechen der Thüringer FDP ein Bekenntnis zur Wiederholung einer ähnlichen Geschichte ist, ist zwar wenig überraschend, aber dadurch nicht weniger tragisch.)
Für mich war es im Frühjahr 2020 an der Zeit mich einer bitterernsten Frage zu stellen, deren potenzielle Antwortmöglichkeiten ich im Studium mehr als einmal aus moralphilosophischen und verschiedenen geschichtlichen Blickwinkeln durchgespielt hatte. Nur hatte ich sie nie als persönlich Betroffene beantwortet. Auch gute Freund_innen habe ich damals ermutigt, sich dem Gedankenexperiment zu stellen. Die meisten wollten (noch) nicht, oder wollten zumindest nicht darüber sprechen:
Würde ich kollaborieren, oder Widerstand leisten, wenn
rechtsextreme Gruppen die staatlichen Gewalten auf sich vereinen?
D.h. in meinem Fall: Würde ich mich als Geisteswissenschaftlerin und Hochschuldozentin gleichschalten, um mich selbst zu schützen? Oder würde ich mich weigern und alles aufs Spiel setzen?
Ich würde alles daransetzen, diese Entscheidung nicht treffen zu müssen. An dieser Antwort hat sich bis heute nichts geändert. Ich hatte die Ereignisse im Jahr 1933 studiert. Ich hatte Zeitungsquellen aus den ersten Tagen nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten mit Einschätzungen zur Lage gelesen, bevor eben diese Zeitungen schon kurz darauf schließen mussten. Ich würde nicht den Fehler machen Warnsignale zu ignorieren und auf eine kurze Episode mit baldigem Ende zu hoffen.
Ich hatte Hannah Arendts Werk im Studium förmlich inhaliert und Kant nur dank ihrer Auseinandersetzung im Lichte des Eichmann Prozesses begriffen. Überhaupt war mir längst bewusst, dass die meisten politischen Theorien, die mich durchs Studium begleitet hatten, vor dem Hintergrund persönlicher Exil- und kollektiver Gewalterfahrungen geschrieben wurden. Ich würde mich also auf das Schlimmste wenigstens vorbereiten.
Ich würde wählen feige zu sein, solange ich frei wählen kann.
Ich wäre bereit mich unverzüglich außer Landes zu begeben, wenn die AfD oder eine ideologisch nahestehende Partei tatsächlich an Regierungsgeschäften beteiligt wird. Ich würde politische Widerstandsbewegungen nur aus dem Ausland unterstützen. Feige sein erscheint mir besser als vielleicht Teil einer Mehrheit zu werden, die wegsieht, schweigt und verharmlost. Eine Mehrheit, die Diskriminierung, Ausgrenzung und Zerstörung in ihrer Mitte zuerst denkbar macht und dann tatenlos zusieht anstatt das eigene Urteil stark zu machen.
Teil 3: Zuhause in Mexiko
Dass ich heute kurz vor der Landtagswahl in Thüringen schon außer Landes bin, hat viele Gründe. Die meisten sind weniger politisch und werden zum Stoff für künftige Blogeinträge. Das ewige Warten auf den Wahlsonntag wollte ich dennoch mit dem politischen und zugleich persönlichsten Anteil an meiner Auslandsgeschichte füllen.
Denn meine Antwort auf eine der grundlegendsten aller politischen Fragen war der wesentliche Antrieb hinter allem, was seit 2020 passiert ist, was mich seitdem wiederholt nach Mexiko gebracht hat und was mich auch weiterhin antreibt zu erkunden, was und wo zuhause fernab von „Heimat“ sein kann.